Wenn KI immer klüger wird – und wir das Denken verlernen
Manche Schlagzeilen sind so drastisch, dass man sie kaum überlesen kann.
„Wir führen uns geradewegs in eine Diktatur der Idioten.“
So fasst die österreichische Tageszeitung Heute eine Warnung des französischen Neurowissenschaftlers Michel Desmurget zusammen.
Seine These: Bildungsleistungen sinken, Menschen verbringen immer mehr Zeit vor Bildschirmen und gleichzeitig werden Systeme künstlicher Intelligenz leistungsfähiger. Wenn wir immer mehr geistige Arbeit an Maschinen delegieren, könnten wir irgendwann selbst nicht mehr ausreichend beurteilen, ob das, was uns eine KI präsentiert, richtig, falsch, manipulativ oder schlicht erfunden ist [1].
Das klingt spektakulär.
Vielleicht sogar alarmistisch.
Und genau deshalb wollte ich wissen:
Wie viel Wissenschaft steckt tatsächlich hinter dieser Warnung?
Ist das lediglich eine weitere kulturpessimistische Geschichte darüber, dass angeblich jede neue Generation „dümmer“ wird?
Oder erleben wir tatsächlich eine Entwicklung, bei der eine immer leistungsfähigere Technologie auf Menschen trifft, deren grundlegende Fähigkeiten zum Lesen, Verstehen, Prüfen und eigenständigen Denken gleichzeitig schwächer werden?
Nach meiner Recherche lautet die Antwort:
Desmurgets drastische Zukunftsprognose ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Das Problem, auf das er aufmerksam macht, ist jedoch sehr real.
Und einige der neuesten Daten sind tatsächlich bemerkenswert.
Wer ist Michel Desmurget?
Desmurget ist kein Social-Media-Kommentator, der aus einem Bauchgefühl heraus vor Digitalisierung warnt.
Er ist Neurowissenschaftler und Forschungsdirektor am französischen Institut des Sciences Cognitives Marc Jeannerod, einer gemeinsamen Forschungseinrichtung des französischen CNRS und der Université Claude Bernard Lyon 1.
Er leitet dort das Forschungsteam „Neural and Cognitive Control of Action“. Dieses beschäftigt sich unter anderem damit, wie freiwillige Handlungen entstehen, wie sensorische und motorische Funktionen organisiert sind und wie sich Gehirnfunktionen nach Verletzungen reorganisieren [2].
Das ist wichtig.
Aber auch hier lohnt sich Genauigkeit.
Desmurgets institutionelle Forschung konzentriert sich nicht primär auf Bildschirmzeit, Bildung und künstliche Intelligenz.
Seine öffentlich bekannten Aussagen dazu beruhen zu einem erheblichen Teil auf der Auswertung und Interpretation einer breiteren wissenschaftlichen Literatur.
Das macht seine Argumente nicht wertlos.
Es bedeutet lediglich:
Auch die Aussagen eines renommierten Neurowissenschaftlers müssen an den zugrunde liegenden Daten überprüft werden.
„Diktatur der Idioten“ ist keine wissenschaftliche Diagnose
Der Heute-Artikel greift ein Interview auf, das am 12. September 2026 in der französischen Zeitung Le Figaro erschien.
Dort warnt Desmurget sinngemäß davor, dass der Zusammenbruch schulischer Leistungen gemeinsam mit dem Aufstieg künstlicher Intelligenz in eine „Diktatur der Idioten“ führen könne [3].
Die drastische Formulierung stammt also tatsächlich aus diesem Interviewkontext.
Aber eines muss klar sein:
„Diktatur der Idioten“ ist kein wissenschaftlicher Begriff.
Es gibt kein anerkanntes Modell, aus dem sich berechnen ließe:
sinkende PISA-Leistungen + künstliche Intelligenz = Diktatur.
Desmurget verwendet eine polemische Warnmetapher.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob eine solche „Diktatur“ wissenschaftlich vorhergesagt werden kann.
Sondern:
Sind die Mechanismen, vor denen er warnt, tatsächlich plausibel?
Und hier wird die Sache wesentlich interessanter.
Denn die neuen PISA-Daten geben Anlass zur Sorge
Nur wenige Tage vor dem Interview veröffentlichte die OECD ihre PISA-2025-Ergebnisse.
Rund 760.000 15-Jährige aus 91 Ländern und Volkswirtschaften nahmen daran teil.
Und die Ergebnisse sind bemerkenswert.
Im OECD-Durchschnitt erreichten Mathematik und Lesen die bislang niedrigsten gemessenen Werte.
Zwischen 2015 und 2025 sank die durchschnittliche Mathematikleistung um 22 PISA-Punkte.
Beim Lesen betrug der Rückgang sogar 28 Punkte [4].
Besonders der Rückgang beim Lesen ist relevant.
Denn Lesen bedeutet in einer modernen Informationsgesellschaft nicht nur, Wörter entziffern zu können.
Es bedeutet:
Informationen verstehen.
Argumente nachvollziehen.
Quellen vergleichen.
Zusammenhänge erkennen.
Fakten von Meinung unterscheiden.
Und Widersprüche bemerken.
Die OECD beobachtet außerdem, dass sich der Anteil sogenannter „hasty readers“ – also jener Schülerinnen und Schüler, die Texte sehr schnell bearbeiten und dabei falsche Antworten geben – zwischen 2018 und 2025 beinahe verdoppelt hat [5].
Und genau an dieser Stelle trifft Bildung auf künstliche Intelligenz.
Eine KI kann eine perfekte Antwort liefern – ohne dass Du etwas gelernt hast
Das ist möglicherweise die entscheidende Unterscheidung der gesamten Debatte.
Eine KI kann eine mathematische Aufgabe lösen.
Einen wissenschaftlichen Text zusammenfassen.
Eine Präsentation erstellen.
Einen Aufsatz schreiben.
Programmieren.
Übersetzen.
Argumentieren.
Recherchieren.
Und dennoch sagt die Qualität des Ergebnisses zunächst erstaunlich wenig darüber aus, was der Mensch selbst danach kann.
Genau diesen Unterschied zwischen Leistung und tatsächlichem Lernen untersucht inzwischen die Forschung.
Eine der interessantesten Studien dazu erschien 2025 in den Proceedings of the National Academy of Sciences.
Fast 1.000 Schüler bekamen GPT-4
Hamsa Bastani und Kollegen untersuchten knapp 1.000 Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht.
Eine Gruppe arbeitete ohne KI.
Eine zweite erhielt Zugang zu einem GPT-4-basierten Assistenten.
Eine dritte verwendete ebenfalls GPT-4, allerdings mit pädagogischen Schutzmechanismen. Diese Version sollte beispielsweise Hinweise liefern, anstatt vollständige Lösungen einfach auszugeben.
Während die Jugendlichen mit der KI arbeiten durften, verbesserten sich ihre Leistungen erheblich.
Das klingt zunächst wie ein klarer Erfolg.
Dann wurde die KI entfernt.
Und plötzlich zeigte sich ein völlig anderes Bild.
Die Schülerinnen und Schüler, die zuvor den weitgehend unbeschränkten GPT-Assistenten verwendet hatten, erzielten im anschließenden Test 17 Prozent schlechtere Ergebnisse als jene Gruppe, die überhaupt keine KI verwendet hatte [6].
Bei der pädagogisch begrenzten KI verschwand dieser negative Effekt weitgehend.
Das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis.
KI kann Deine momentane Leistung erhöhen und gleichzeitig Dein tatsächliches Lernen beeinträchtigen.
Wenn sie Dir jene geistige Arbeit abnimmt, durch die Lernen überhaupt erst entsteht.
Cognitive Offloading – wenn wir Denken auslagern
Die OECD beschäftigt sich in ihrem Digital Education Outlook 2026 genau mit diesem Problem.
Generative KI könne Lernen erheblich unterstützen.
Aber nur, wenn ihre Verwendung entsprechend gestaltet werde.
Allgemeine KI-Systeme könnten dagegen dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler Aufgaben erfolgreich erledigen, ohne die zugrunde liegenden Fähigkeiten aufzubauen.
Die OECD spricht von cognitive offloading:
dem Auslagern geistiger Arbeit.
Und sie warnt vor einer möglichen „metacognitive laziness“ – einer geistigen Passivität, die entstehen kann, wenn Maschinen wesentliche Denkschritte permanent übernehmen [7].
Das ist keine Warnung vor künstlicher Intelligenz an sich.
Es ist eine Warnung vor einer bestimmten Art ihrer Verwendung.
Denn es gibt auch die völlig gegenteilige Forschung
Wer daraus nun ableitet:
„KI macht Menschen dumm“
macht denselben Fehler in die andere Richtung.
Eine randomisierte Studie an der Harvard University zeigte 2025 beispielsweise, dass ein speziell entwickelter KI-Tutor erhebliche Lernvorteile gegenüber klassischem aktivem Unterricht erzeugen konnte.
194 Studierende nahmen an dem Versuch teil.
Der entscheidende Unterschied:
Die KI war bewusst auf Erkenntnisse der Lernpsychologie und Pädagogik abgestimmt.
Sie führte die Studierenden durch den Lernprozess.
Sie lieferte nicht einfach Antworten [8].
Genau deshalb ist die simple Frage:
„Ist KI gut oder schlecht für Bildung?“
eigentlich falsch.
Die bessere Frage lautet:
Welche Denkleistung übernimmt die KI – und welche muss der Mensch weiterhin selbst erbringen?
KI als Gerüst oder als Krücke?
Lernen ist anstrengend.
Das ist kein Konstruktionsfehler unseres Gehirns.
Die Anstrengung gehört dazu.
Du musst einen schwierigen Absatz möglicherweise mehrfach lesen.
Eine mathematische Aufgabe ausprobieren.
Fehler machen.
Dich erinnern.
Begriffe miteinander verbinden.
Hypothesen entwickeln.
Genau dadurch verändert sich Wissen.
Wenn eine KI diesen unangenehmen Teil permanent entfernt, kann ein paradoxes Ergebnis entstehen:
Du arbeitest schneller.
Dein Text sieht besser aus.
Deine Lösung ist korrekt.
Aber Dein eigenes Wissen wächst kaum.
Die OECD bezeichnet diese notwendige geistige Auseinandersetzung als productive cognitive struggle [7].
Und plötzlich klingt ein Teil von Desmurgets Warnung gar nicht mehr so übertrieben.
Je besser die KI wird, desto unsichtbarer wird das Problem
Eine schlechte KI ist relativ leicht zu kontrollieren.
Wenn ein Chatbot offensichtlichen Unsinn produziert, bemerkst Du möglicherweise sofort:
Da stimmt etwas nicht.
Doch moderne Systeme werden immer überzeugender.
Die Sprache wird besser.
Argumentationen werden schlüssiger.
Fehler werden seltener.
Und genau dadurch steigt die Versuchung, Ergebnisse einfach zu übernehmen.
Hier entsteht ein interessantes Paradox:
Je leistungsfähiger die Maschine wird, desto weniger spürst Du möglicherweise, wie abhängig Du von ihr geworden bist.
Solange sie funktioniert.
Problematisch wird es, wenn sie falschliegt.
Wenn Informationen fehlen.
Wenn Daten manipuliert wurden.
Oder wenn jemand absichtlich versucht, Dich zu beeinflussen.
Wie kontrollierst Du eine KI, wenn Dir selbst das Wissen fehlt?
Stell Dir vor, eine KI liefert Dir eine perfekt klingende medizinische Erklärung.
Fachbegriffe.
Statistiken.
Studien.
Eine logische Argumentation.
Woher weißt Du, ob sie stimmt?
Du kannst Quellen prüfen.
Aber dafür musst Du verstehen, welche Quellen relevant sind.
Du kannst die Argumentation kontrollieren.
Aber dafür benötigst Du Grundlagenwissen.
Du kannst Widersprüche erkennen.
Aber nur dann, wenn Du weißt, was überhaupt widersprüchlich sein könnte.
Kritisches Denken funktioniert nicht im luftleeren Raum.
Es benötigt Wissen.
Sprache.
Begriffe.
Vergleichsmöglichkeiten.
Deshalb ist die Vorstellung problematisch, Faktenwissen werde im Zeitalter von Google und KI unwichtig.
Wenn Maschinen immer mehr Informationen liefern, brauchen Menschen womöglich nicht weniger Wissen.
Sie brauchen mehr Urteilskompetenz.
Genau bei dieser Urteilskompetenz gibt es schon lange Warnsignale
Der Heute-Artikel verweist auf Untersuchungen der Stanford University.
Diese Forschung existiert tatsächlich.
2016 testete die Stanford History Education Group 7.804 Schülerinnen, Schüler und Studierende verschiedener Altersstufen.
Die Ergebnisse waren ernüchternd.
Viele Teilnehmer konnten Werbung schlecht von redaktionellen Inhalten unterscheiden.
Sie erkannten politische Interessen hinter Informationen nicht zuverlässig.
Und sie hatten Probleme, die Glaubwürdigkeit digitaler Quellen einzuschätzen [9].
Eine spätere große Untersuchung konzentrierte sich speziell auf Highschool-Schüler.
3.446 Jugendliche – 96 Prozent übersahen einen entscheidenden Zusammenhang
Zwischen 2018 und 2019 untersuchten Stanford-Forscher 3.446 Schülerinnen und Schüler aus 16 Schulbezirken in 14 US-Bundesstaaten.
In einer Aufgabe sollten sie beispielsweise die Glaubwürdigkeit einer Website beurteilen, die sich mit Klimaforschung beschäftigte.
Eine kurze externe Recherche hätte gezeigt, dass die dahinterstehende Organisation Verbindungen zur fossilen Industrie hatte.
96 Prozent der Jugendlichen entdeckten diesen Zusammenhang nicht.
Bei einer anderen Aufgabe konnten rund zwei Drittel redaktionelle Inhalte und Werbung auf einer Website nicht zuverlässig unterscheiden [10].
Das ist gesellschaftlich relevant.
Doch der Grund ist komplizierter als „Jugendliche wissen nichts“
Der Heute-Artikel verbindet solche Ergebnisse stark mit mangelndem Allgemeinwissen und sprachlichen Defiziten.
Das spielt sicherlich eine Rolle.
Die Stanford-Arbeiten zeigen aber noch etwas anderes.
Viele Schülerinnen und Schüler versuchten, die Glaubwürdigkeit einer Website innerhalb der Website selbst zu beurteilen.
Professionelle Faktenprüfer machten etwas völlig anderes.
Sie verließen die Website.
Öffneten weitere Tabs.
Suchten nach Informationen über Betreiber, Finanzierung und Reputation.
Diese Methode nennt sich lateral reading [12].
Das Problem lautet deshalb nicht nur:
„Menschen wissen zu wenig.“
Es lautet auch:
Viele Menschen haben nie gelernt, digitale Informationen professionell zu überprüfen.
Und genau das kann man trainieren.
Medienkompetenz lässt sich lernen
Stanford-Forscher untersuchten später, ob solche Fähigkeiten gezielt vermittelt werden können.
Die Antwort lautet:
Ja.
Bereits relativ kurze Interventionen zum sogenannten Civic Online Reasoning verbesserten die Fähigkeit, digitale Informationen zu überprüfen [13].
Auch andere Experimente zeigen, dass Medienkompetenzmaßnahmen helfen können, zuverlässige und unzuverlässige Nachrichten besser voneinander zu unterscheiden [14].
Das ist wichtig.
Denn es bedeutet:
Wir sind keiner unvermeidbaren kollektiven Verdummung ausgeliefert.
Bildung kann etwas verändern.
Allerdings reicht auch permanentes Misstrauen nicht
Eine interessante Studie aus Nature Human Behaviour zeigt eine weitere Seite des Problems.
In mehreren Experimenten wurden Maßnahmen gegen Desinformation getestet.
Sie reduzierten tatsächlich den Glauben an falsche Informationen.
Doch teilweise entstand gleichzeitig ein unerwünschter Nebeneffekt:
Menschen wurden auch skeptischer gegenüber wahren Informationen [15].
Das ist bemerkenswert.
Denn Demokratie benötigt nicht nur skeptische Menschen.
Sie benötigt Menschen, die unterscheiden können:
Wann Skepsis angebracht ist – und wann Vertrauen gerechtfertigt ist.
Permanentes Misstrauen ist noch keine Medienkompetenz.
Der spektakuläre China-Vergleich braucht eine Fußnote
Desmurget vergleicht unter anderem mathematische Spitzenleistungen in Frankreich mit China.
Im Heute-Artikel heißt es sinngemäß:
55 Prozent der Schülerinnen und Schüler in China erzielten hervorragende Mathematikergebnisse.
In Frankreich seien es fünf Prozent.
Die Größenordnung stimmt nahezu.
Aber der Vergleich benötigt eine wichtige Einschränkung.
PISA 2025 weist für Frankreich tatsächlich fünf Prozent der 15-Jährigen als Top-Performer in Mathematik aus [16].
Für B-S-J-Z (China) sind es 54 Prozent [17].
Doch B-S-J-Z steht für:
Beijing.
Shanghai.
Jiangsu.
Zhejiang.
Das ist keine repräsentative Stichprobe für die gesamte Volksrepublik China.
Der Leistungsunterschied bleibt beeindruckend.
Aber gerade in einem Artikel über Informationskompetenz sollten wir auch beeindruckende Zahlen korrekt einordnen.
Und Österreich?
Österreich liegt bei PISA 2025 in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften weiterhin über dem OECD-Durchschnitt.
Das ist die gute Nachricht.
Die weniger gute:
Die Leistungen in Mathematik und Lesen sind gegenüber 2022 erneut gesunken.
Beide Bereiche liegen inzwischen unter sämtlichen österreichischen PISA-Ergebnissen aus der Zeit vor 2022 [18].
In Mathematik erreichen 72 Prozent der österreichischen Jugendlichen mindestens Kompetenzstufe 2.
Acht Prozent gehören zu den Top-Performern.
Beim Lesen erreichen ebenfalls 72 Prozent zumindest Level 2.
Nur fünf Prozent gehören zur höchsten Leistungsgruppe.
Österreich befindet sich also keineswegs in einem Bildungszusammenbruch.
Aber die langfristige Entwicklung verdient Aufmerksamkeit.
Besonders interessant wird es bei der digitalen Nutzung
Österreichische Schülerinnen und Schüler verbringen laut PISA durchschnittlich rund 1,5 Stunden pro Schultag mit digitalen Geräten für Lernzwecke.
Dazu kommen durchschnittlich rund 0,9 Stunden digitale Freizeitnutzung während der Schulzeit.
28 Prozent berichten, dass Mitschüler in den meisten oder allen naturwissenschaftlichen Unterrichtsstunden durch digitale Geräte abgelenkt werden [18].
Diese Gruppe erzielt im Durchschnitt niedrigere Leistungen.
Das beweist keine direkte Ursache.
Jugendliche mit schwächeren Leistungen könnten beispielsweise gleichzeitig häufiger abgelenkt sein.
Aber der Zusammenhang ist relevant genug, um ihn ernst zu nehmen.
Und KI ist längst im österreichischen Klassenzimmer angekommen
Vielleicht eine der interessantesten Zahlen aus den neuen PISA-Daten:
50 Prozent der österreichischen 15-Jährigen verwenden KI-Chatbots mindestens einmal pro Woche zum Lernen.
37 Prozent nutzen KI regelmäßig für erste Recherchen.
34 Prozent lassen sich Texte zusammenfassen, die sie eigentlich selbst lesen sollten.
31 Prozent verwenden KI beim Entwerfen schriftlicher Arbeiten [18].
Wir reden deshalb nicht über eine Technologie, die irgendwann vielleicht im Bildungssystem ankommen wird.
Sie ist längst dort.
Deshalb wäre ein simples KI-Verbot die falsche Antwort
Österreich verfolgt derzeit interessanterweise zwei Strategien gleichzeitig.
Seit Mai 2025 dürfen Schülerinnen und Schüler bis einschließlich der achten Schulstufe Mobiltelefone und vergleichbare Geräte grundsätzlich nicht während des Unterrichtsbetriebs verwenden – außer sie werden ausdrücklich für schulische Zwecke zugelassen [19].
Gleichzeitig werden österreichische Schulen weiterhin systematisch mit Tablets und Notebooks ausgestattet [20].
Und seit 2026 soll KI-Kompetenz gezielt stärker in das Bildungssystem integriert werden [21].
Das ist kein Widerspruch.
Zumindest dann nicht, wenn man zwischen zwei Dingen unterscheidet:
Technologie verwenden.
und
geistige Arbeit vollständig an Technologie delegieren.
Macht Bildschirmzeit Kinder tatsächlich dümmer?
Desmurget ist für sehr deutliche Aussagen über Bildschirmnutzung bekannt.
Doch gerade hier ist die wissenschaftliche Lage differenzierter.
Eine große systematische Übersichtsarbeit in JAMA Pediatrics analysierte 58 Studien mit insgesamt fast 480.000 Kindern und Jugendlichen.
Das überraschende Ergebnis:
Die gesamte Bildschirmzeit war nicht grundsätzlich mit schlechteren schulischen Leistungen verbunden.
Bestimmte Nutzungsformen zeigten dagegen negative Zusammenhänge – beispielsweise hoher Fernsehkonsum oder bestimmte Formen des Videospielens [22].
Auch Forschung zur Sprachentwicklung kleiner Kinder zeigt:
Hochwertige Bildungsinhalte können durchaus positive Effekte haben [23].
Der Begriff „Bildschirmzeit“ ist deshalb wissenschaftlich oft viel zu grob.
Eine Stunde Bildschirm ist nicht gleich eine Stunde Bildschirm
Eine Stunde TikTok.
Eine Stunde Mathematikunterricht.
Eine Stunde Videotelefonat mit den Großeltern.
Eine Stunde Recherche.
Eine Stunde Programmieren.
Eine Stunde Computerspiel.
Alles ist technisch betrachtet Bildschirmzeit.
Aber kognitiv passiert dabei etwas völlig Unterschiedliches.
Deshalb wird die pauschale Aussage:
„Bildschirme machen Kinder dumm“
der Forschung nicht gerecht.
Wesentlich besser belegt ist eine präzisere Aussage:
Digitale Ablenkung, exzessive Freizeitnutzung und das Ersetzen eigener geistiger Arbeit durch automatisierte Prozesse können Lernen beeinträchtigen.
Das ist weniger spektakulär.
Aber wesentlich präziser.
Hinter vielen Plattformen steckt eine Aufmerksamkeitsökonomie
Damit kommen wir zu einer weiteren spektakulären Zahl aus dem Heute-Artikel.
Dort entsteht der Eindruck, Frankreich könne aufgrund sinkender Bildungsleistungen rund drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verlieren.
Die zugrunde liegende Quelle sagt etwas anderes.
Die französische Generaldirektion des Schatzamtes veröffentlichte 2025 eine Analyse zur sogenannten Ökonomie der Aufmerksamkeit.
Gemeint sind digitale Geschäftsmodelle, die menschliche Aufmerksamkeit monetarisieren.
Die Analyse versucht verschiedene gesellschaftliche Folgekosten zu quantifizieren:
Produktivitätsverluste.
Gesundheitseffekte.
Zeitverlust.
Und mögliche langfristige Auswirkungen beeinträchtigter kognitiver Fähigkeiten.
Das französische Finanzministerium kommt dabei langfristig auf eine Größenordnung von zwei bis drei Prozentpunkten des BIP.
Die Behörde weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Schätzung auf zahlreichen Annahmen beruht und mit Vorsicht interpretiert werden muss [24].
Das bedeutet nicht: „Schlechtere Bildung kostet Frankreich drei Prozent BIP“
Dieser Unterschied ist wichtig.
Die französische Modellrechnung versucht die langfristigen Auswirkungen einer ganzen digitalen Aufmerksamkeitsökonomie abzuschätzen.
Bildung und mögliche Veränderungen kognitiver Fähigkeiten spielen dabei eine Rolle.
Aber daraus eine präzise Prognose zu machen:
„Frankreich verliert wegen schlechterer Schulen drei Prozent des BIP“
wäre nicht gerechtfertigt.
Der Heute-Artikel verdichtet an dieser Stelle eine komplexe ökonomische Modellrechnung stärker, als die Primärquelle es erlaubt.
Trotzdem ist Bildungsqualität wirtschaftlich relevant
Der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Bildung und langfristiger wirtschaftlicher Entwicklung ist gut untersucht.
Eric Hanushek und Ludger Woessmann modellierten beispielsweise die wirtschaftlichen Auswirkungen möglicher Verbesserungen europäischer PISA-Leistungen.
Über sehr lange Zeiträume ergeben sich in solchen Modellen erhebliche volkswirtschaftliche Effekte [25].
Auch hier gilt:
Das sind Modellrechnungen.
Keine Naturgesetze.
Aber die Vorstellung, Bildungsqualität habe mit zukünftiger Produktivität und Wohlstand nichts zu tun, wäre ebenso falsch.
Und jetzt zur großen Frage: Ist unsere Demokratie gefährdet?
Desmurgets „Diktatur der Idioten“ ist offensichtlich eine polemische Formulierung.
Trotzdem steckt darin eine ernsthafte Frage:
Was passiert mit einer Demokratie, wenn immer weniger Menschen komplexe Informationen verstehen und beurteilen können?
Demokratie benötigt keine Gesellschaft aus Wissenschaftlern.
Aber sie benötigt Bürgerinnen und Bürger, die zumindest grundsätzlich:
Informationen einordnen,
Behauptungen vergleichen,
Argumente verstehen,
Quellen bewerten,
Widersprüche erkennen
und politische Alternativen gegeneinander abwägen können.
Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersicht analysierte 359 empirische Studien zum Zusammenhang zwischen Bildung und demokratischen Kompetenzen.
Insgesamt zeigt sich ein überwiegend positiver Zusammenhang zwischen bestimmten Formen von Bildung und demokratischem Wissen, politischen Fähigkeiten, Einstellungen und Partizipation [26].
Bildung ist also tatsächlich demokratisch relevant.
Aber schlechte PISA-Werte erzeugen keine Diktatur
Auch das muss klar gesagt werden.
Demokratien brechen nicht automatisch zusammen, wenn Lesekompetenz sinkt.
Politische Institutionen.
Rechtsstaatlichkeit.
Medienpluralismus.
wirtschaftliche Bedingungen.
soziale Ungleichheit.
Korruption.
Parteien.
politische Kultur.
internationale Entwicklungen.
Viele Faktoren entscheiden über die Stabilität demokratischer Systeme.
Desmurgets Formulierung ist daher keine wissenschaftliche Prognose.
Sie ist eine Warnung.
Dennoch verändert mangelnde Informationskompetenz demokratische Gesellschaften
Wenn Menschen Schwierigkeiten haben, Quellen zu beurteilen, Werbung von Information zu unterscheiden und komplexe Argumente zu verstehen, verändert das die Informationsumgebung einer Demokratie.
Generative KI kann dieses Problem zusätzlich verschärfen.
Denn Desinformation musste früher produziert werden.
Texte mussten geschrieben werden.
Bilder bearbeitet.
Videos geschnitten.
Übersetzungen erstellt.
Heute können solche Inhalte automatisiert, personalisiert und in großen Mengen erzeugt werden.
Je billiger überzeugende Information wird, desto wertvoller wird die Fähigkeit, sie zu überprüfen.
Wir erleben gerade etwas historisch Neues
Noch nie hatte ein durchschnittlicher Mensch Zugang zu so viel Wissen.
Und wahrscheinlich war es noch nie so einfach, so zu wirken, als hätte man dieses Wissen selbst.
Eine KI kann innerhalb von Sekunden einen überzeugenden Text über Quantenphysik erstellen.
Über Medizin.
Recht.
Politik.
Wirtschaft.
Geschichte.
Du kannst diesen Text kopieren und veröffentlichen.
Und dabei möglicherweise selbst kaum etwas über das Thema verstanden haben.
Das ist neu.
Wir beginnen, zwei Dinge voneinander zu entkoppeln:
die Qualität eines sichtbaren Ergebnisses
und
die tatsächliche Kompetenz der Person, die dieses Ergebnis präsentiert.
Vielleicht liegt genau darin der stärkste Kern von Desmurgets Warnung.
Früher musste man häufig etwas können, um kompetent zu wirken
Nicht immer.
Aber zumindest häufiger.
Ein guter wissenschaftlicher Text verlangte normalerweise ein gewisses wissenschaftliches Verständnis.
Ein funktionierendes Programm erforderte Programmierkenntnisse.
Eine gute Übersetzung Sprachkompetenz.
Eine professionelle Grafik gestalterisches Können.
Generative KI verändert diese Beziehung.
Menschen können plötzlich Ergebnisse erzeugen, deren Qualität weit über ihrer eigenen Kompetenz liegt.
Das ist fantastisch.
Und gleichzeitig problematisch.
Fantastisch, weil Fähigkeiten demokratisiert werden.
Problematisch, weil es schwieriger wird zu erkennen, wer tatsächlich versteht, was er veröffentlicht.
Und möglicherweise täuschen wir irgendwann sogar uns selbst
Das Problem besteht nicht nur darin, dass andere Menschen uns täuschen könnten.
Wir können uns selbst täuschen.
Wenn eine KI einen guten Text für mich schreibt, kann sich dessen Qualität irgendwann wie meine eigene Kompetenz anfühlen.
Wenn sie meinen Fehler korrigiert, bevor ich ihn selbst bemerke, lerne ich möglicherweise weniger daraus.
Wenn sie mir jedes Argument liefert, trainiere ich weniger, selbst eines aufzubauen.
Wenn sie jeden schwierigen Text zusammenfasst, übe ich weniger, schwierige Texte tatsächlich zu verstehen.
Nicht zwangsläufig.
Aber das Risiko existiert.
Das Experiment mit den Mathematikschülern zeigt genau diesen Mechanismus unter kontrollierten Bedingungen [6].
Das Problem ist deshalb nicht künstliche Intelligenz
Die bisherige Forschung rechtfertigt keinen nostalgischen Ruf:
Computer raus aus der Schule.
Sie rechtfertigt auch nicht:
KI verbieten.
Hochwertige digitale Angebote können Lernen verbessern.
Pädagogisch gestaltete KI-Systeme können Lernprozesse unterstützen.
Österreich versucht deshalb, KI-Kompetenz mit kritischem Denken, Datenverständnis und Reflexion zu verbinden [21].
Die wissenschaftlich interessantere Trennlinie verläuft nicht zwischen:
analog und digital.
Mensch und Maschine.
Buch und Bildschirm.
Sondern zwischen:
aktiver geistiger Arbeit
und
vollständiger geistiger Delegation.
Gerade wegen KI brauchen wir Grundlagenwissen
Warum soll ein Kind noch Fakten lernen, wenn eine KI alles nachschlagen kann?
Weil man Informationen nur überprüfen kann, wenn man Vergleichswissen besitzt.
Warum noch schreiben lernen, wenn eine KI Texte schreibt?
Weil Sprache Denken strukturiert.
Warum Mathematik lernen, wenn Computer rechnen können?
Weil mathematisches Verständnis benötigt wird, um Ergebnisse zu interpretieren.
Warum lange Texte lesen, wenn KI sie zusammenfassen kann?
Weil komplexe Argumentationen nicht vollständig durch Zusammenfassungen ersetzt werden können.
Die Existenz des Taschenrechners machte mathematisches Verständnis nicht überflüssig.
GPS machte räumliche Orientierung nicht bedeutungslos.
Und künstliche Intelligenz macht menschliches Denken nicht automatisch entbehrlich.
Vielleicht wird Wissen sogar wichtiger
Früher war Information knapp.
Heute ist sie nahezu unbegrenzt.
Das Problem hat sich verschoben.
Nicht mehr:
„Wo finde ich eine Antwort?“
Sondern:
„Welche Antwort stimmt?“
Und möglicherweise bald:
„Welche Teile dieser perfekt formulierten Antwort sind falsch?“
Dafür braucht es Urteilskraft.
Und Urteilskraft entsteht nicht allein durch die Aufforderung:
„Denk kritisch.“
Sie entsteht aus:
Wissen.
Erfahrung.
Vergleich.
Sprache.
Logik.
Und Übung.
Was Desmurget meiner Ansicht nach richtig sieht
Nach Durchsicht der aktuellen Forschung halte ich mehrere Grundannahmen seiner Warnung für gut begründet.
Die Bildungsleistungen insbesondere beim Lesen und in Mathematik sind im OECD-Durchschnitt deutlich gesunken [4].
Digitale Ablenkung im Unterricht ist verbreitet und mit schwächeren Leistungen verbunden [18].
Unkontrollierte KI-Nutzung kann unmittelbare Leistung verbessern und gleichzeitig tatsächliches Lernen beeinträchtigen [6][7].
Viele Jugendliche haben Schwierigkeiten, digitale Quellen und Interessenlagen richtig einzuschätzen [9][10].
KI-Systeme müssen kontrolliert und ihre Aussagen überprüft werden [7].
Und Bildung steht nachweislich mit demokratischen Kompetenzen in Verbindung [26].
Der Kern des Problems ist also keineswegs erfunden.
Wo Desmurget zu weit geht
Mehrere seiner öffentlichen Zuspitzungen gehen allerdings weiter, als die Forschung erlaubt.
Es gibt keine empirische Grundlage für die Prognose, Europa steuere zwangsläufig auf eine „Diktatur der Idioten“ zu.
Bildschirmzeit ist keine einheitliche schädliche Größe. Inhalt, Zweck, Alter, Dauer und Kontext spielen eine erhebliche Rolle [22][23].
KI führt nicht zwangsläufig zu schlechterem Lernen. Gute KI-Tutoren können das Gegenteil bewirken [8].
Die häufig genannten 55 Prozent chinesischer Mathematik-Spitzenleistungen beziehen sich auf vier besonders leistungsstarke Regionen und nicht auf ganz China [17].
Und die drei Prozent BIP-Verlust stammen aus einer unsicheren langfristigen Modellierung der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie und nicht aus einer direkten Prognose über einen französischen Bildungsabsturz [24].
Gerade wenn wir kritisches Denken fordern, müssen auch alarmistische Aussagen kritisch geprüft werden.
Und was bleibt vom Heute-Artikel?
Der Ausgangsartikel ist nicht grundsätzlich falsch.
Aber er verdichtet mehrere komplexe Zusammenhänge sehr stark.
Die Stanford-Forschung wird verkürzt.
Die chinesischen PISA-Daten werden geografisch vereinfacht.
Die französische Drei-Prozent-Schätzung erscheint eindeutiger, als die Primärquelle sie formuliert.
Und aus einer wissenschaftlich durchaus begründbaren Sorge über Bildung und Informationskompetenz entsteht durch die Schlagzeile beinahe eine politische Zukunftsprognose.
Das ist journalistisch verständlich.
Aber genau deshalb braucht eine solche Geschichte einen zweiten Blick.
Vielleicht ist die Wahrheit weniger spektakulär – und gleichzeitig ernster
Wir müssen vermutlich keine unmittelbar bevorstehende „Diktatur der Idioten“ fürchten.
Aber wir befinden uns tatsächlich in einem gesellschaftlichen Experiment.
Zum ersten Mal wächst eine Generation mit Werkzeugen auf, die beinahe jede geistige Aufgabe zumindest teilweise übernehmen können.
Recherchieren.
Schreiben.
Rechnen.
Programmieren.
Übersetzen.
Argumentieren.
Zusammenfassen.
Gestalten.
Und niemand kann heute seriös sagen, welche langfristigen Auswirkungen es haben wird, wenn diese Fähigkeiten bereits während ihrer Entwicklung regelmäßig ausgelagert werden.
Das sollte keine Panik erzeugen.
Aber Aufmerksamkeit.
Österreich steckt bereits mitten in diesem Experiment
50 Prozent der österreichischen 15-Jährigen nutzen KI mindestens wöchentlich zum Lernen.
31 Prozent verwenden sie zum Entwerfen schriftlicher Arbeiten.
Gleichzeitig sinken Leistungen in Lesen und Mathematik.
Das beweist keinen ursächlichen Zusammenhang.
PISA selbst weist darauf hin, dass die Beziehungen zwischen digitaler Nutzung, KI und Leistung komplex sind [18].
Aber eines zeigen diese Zahlen sehr deutlich:
Die Frage nach KI und Bildung gehört nicht irgendwann auf die politische Tagesordnung.
Sie ist längst dort.
Die vielleicht wichtigste Frage lautet nicht: Was kann KI?
Wir sind derzeit fasziniert davon, was künstliche Intelligenz alles kann.
Das ist nachvollziehbar.
Jede neue Generation dieser Systeme erzeugt beeindruckendere Ergebnisse.
Langfristig könnte aber eine andere Frage wesentlich wichtiger sein:
Was müssen wir Menschen weiterhin selbst können?
Welche Fähigkeiten dürfen wir auslagern?
Welche müssen wir bewusst trainieren?
Wann unterstützt KI unser Denken?
Wann ersetzt sie es?
Welche Kenntnisse benötigen wir, um Maschinen beurteilen zu können?
Und ab welchem Punkt wird Bequemlichkeit zu Abhängigkeit?
Darauf gibt es bislang keine endgültigen Antworten.
Aber die Forschung beginnt, erste Grenzen sichtbar zu machen.
Fazit: Nicht die intelligente Maschine ist das eigentliche Problem
Desmurgets Formulierung von einer „Diktatur der Idioten“ ist mir zu plakativ, um sie als wissenschaftliche Diagnose zu übernehmen.
Aber nach Durchsicht der Studien, der aktuellen PISA-Ergebnisse und der Forschung zu generativer KI halte ich es ebenso für falsch, seine Warnung einfach als technikfeindlichen Alarmismus abzutun.
Das Problem existiert.
Vielleicht formulieren wir es nur falsch.
Die größte Gefahr besteht möglicherweise nicht darin, dass künstliche Intelligenz irgendwann zu intelligent wird.
Sie könnte darin liegen, dass wir ihre Leistungsfähigkeit mit unserer eigenen Kompetenz verwechseln.
Dass wir perfekte Antworten erzeugen können, ohne die Fragen wirklich zu verstehen.
Dass wir Informationen besitzen, ohne Wissen aufzubauen.
Dass wir Texte produzieren, ohne komplexe Texte lesen zu können.
Dass wir Argumente verbreiten, ohne sie beurteilen zu können.
Und dass wir irgendwann einer Maschine vertrauen müssen, weil uns genau jene Fähigkeiten fehlen, mit denen wir sie kontrollieren könnten.
Das wäre keine „Diktatur der Idioten“ im wissenschaftlichen Sinn.
Es wäre etwas weniger Spektakuläres – und vielleicht gerade deshalb Gefährlicheres:
eine Gesellschaft, die Zugang zu mehr Wissen besitzt als jede Generation vor ihr und gleichzeitig zunehmend Schwierigkeiten hat, selbst zu entscheiden, welchem davon sie vertrauen kann.
Die gute Nachricht lautet:
Dieser Weg ist nicht unvermeidbar.
Medienkompetenz lässt sich trainieren.
Lesekompetenz lässt sich fördern.
KI kann Lernen unterstützen.
Digitale Werkzeuge können Wissen zugänglicher machen.
Und gut entwickelte KI-Tutoren können nachweislich helfen.
Die entscheidende Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen Mensch und Maschine.
Nicht zwischen Buch und Tablet.
Nicht zwischen analog und digital.
Sie verläuft zwischen:
Technologie, die unser Denken erweitert – und Technologie, der wir unser Denken überlassen.
Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz wird, desto wichtiger könnte deshalb genau jene Fähigkeit werden, von der manche glaubten, Technologie würde sie irgendwann überflüssig machen:
selbst zu denken.
RECHERCHE
Quellenangaben
- [1]
- [2]Institut des Sciences Cognitives Marc Jeannerod / CNRS: „Neural and Cognitive Control of Action“. Offizielle Beschreibung des von Michel Desmurget geleiteten Forschungsteams und dessen wissenschaftlicher Schwerpunkte. https://www.isc.cnrs.fr/en/equipe/neural-and-cognitive-control-of-action-ncca/
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [3]
- [4]
- [5]
- [6]Bastani, H.; Bastani, O.; Sungu, A.; Ge, H.; Kabakcı, Ö.; Mariman, R. (2025): „Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics“. Proceedings of the National Academy of Sciences, 122(26), e2422633122. DOI: 10.1073/pnas.2422633122. https://doi.org/10.1073/pnas.2422633122
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [7]
- [8]
- [9]Stanford Graduate School of Education (2016): Untersuchung zur Fähigkeit von Schülerinnen, Schülern und Studierenden, digitale Informationen und deren Glaubwürdigkeit zu beurteilen. https://ed.stanford.edu/news/stanford-researchers-find-students-have-trouble-judging-credibility-information-online
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [10]
- [11]
- [12]
- [13]
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- [22]Adelantado-Renau, M. et al. (2019): „Association Between Screen Media Use and Academic Performance Among Children and Adolescents: A Systematic Review and Meta-analysis“. JAMA Pediatrics, 173(11), 1058–1067. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2019.3176. https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2751330
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [23]
- [24]Direction générale du Trésor, Frankreich (2025): „L'économie de l'attention à l'ère du numérique“. Analyse der langfristigen negativen Externalitäten der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. https://www.tresor.economie.gouv.fr/Articles/2025/09/04/l-economie-de-l-attention-a-l-ere-du-numerique
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [25]Hanushek, E. A.; Woessmann, L. (2020): „A quantitative look at the economic impact of the European Union’s educational goals“. Education Economics, 28(3), 225–244. https://hanushek.stanford.edu/index.php/publications/quantitative-look-economic-impact-european-unions-educational-goals
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [26]Arellano, A.; Janmaat, J. G.; Hoskins, B. (2026): „Education for democracy: a review of studies examining the effect of education on levels and distributions of democratic competences“. Educational Research Review, 51, 100792. DOI: 10.1016/j.edurev.2026.100792. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1747938X2600031X
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE