Steinschlag tötet mehr Rinder als der Wolf
Manchmal verändert eine einzige Statistik die Perspektive auf eine ganze Debatte.
In Vorarlberg starben im Jahr 2023 laut Agrarmarkt Austria 29 Rinder allein durch Steinschlag.
Im selben Jahr wurden 23 Nutztiere als Opfer von Wolfsangriffen eingestuft.
Und selbst dieser Vergleich ist für den Wolf noch ungünstig formuliert: Bei den 23 Tieren handelte es sich überwiegend um Schafe. Erfasst wurden außerdem nicht ausschließlich getötete Tiere, sondern auch verletzte und wahrscheinlich nach Wolfsangriffen vermisste Tiere. Unter den Rindern gab es 2023 in Vorarlberg überhaupt kein bestätigtes Wolfsopfer [1].
Noch eindrucksvoller wird die Größenordnung, wenn man nicht nur den Steinschlag betrachtet.
Auf Vorarlbergs Alpen sterben nach Angaben der AMA durchschnittlich ungefähr 300 Rinder pro Jahr. Ursachen sind unter anderem Abstürze, andere Unfälle, Blitzschläge, Steinschläge und Erkrankungen [1].
Und 2026?
Bis zum Zeitpunkt der ORF-Recherche wurden in Vorarlberg acht Wolfsrisse registriert.
Im Rahmen der Bekämpfung der Rindertuberkulose mussten dagegen 124 Tiere getötet werden.
Das sind ungefähr fünfzehnmal so viele Tiere.
Trotzdem, so der ORF, kamen Wolf und TBC in Presseaussendungen des Landes ungefähr gleich häufig vor [1].
Das ist bemerkenswert.
Aber bevor daraus die nächste einfache Geschichte entsteht, müssen wir sofort einen wichtigen Punkt festhalten:
Diese Zahlen beweisen nicht, dass der Wolf bedeutungslos ist.
Sie zeigen etwas anderes.
Sie zeigen, dass die gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit, die einem Risiko zukommt, nicht zwangsläufig proportional zur Zahl der dadurch getöteten Tiere ist.
Und genau dort beginnt die eigentlich interessante Geschichte.
Der ORF-Vergleich ist stark – aber nicht vollkommen sauber
Auch ein Artikel, dessen Grundaussage mir persönlich durchaus entgegenkommt, muss kritisch gelesen werden.
29 durch Steinschlag getötete Rinder mit 23 durch Wölfe getöteten, verletzten oder vermissten Nutztieren unterschiedlicher Arten zu vergleichen, ist methodisch kein perfekter Eins-zu-eins-Vergleich.
Wölfe treffen in Österreich insbesondere Schafe und Ziegen. Das Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs weist für 2025 österreichweit 454 getötete Schafe und Ziegen, weitere 20 verletzte und 654 vermisste Tiere im Zusammenhang mit Wolfsereignissen aus. Zusätzlich wurden 26 Rinder als getötet und eines als verletzt registriert [2].
In Vorarlberg waren es 2025 vier getötete Rinder, fünf getötete und ein verletztes Schaf sowie fünf getötete, fünf verletzte und acht vermisste Ziegen [3].
Wer aus dem ORF-Artikel also die Aussage konstruiert, der Wolf verursache praktisch keine Schäden, macht denselben Fehler wie jene, die aus jedem Riss eine existentielle Bedrohung der gesamten österreichischen Alpwirtschaft ableiten.
Beides ist zu einfach.
Die Schäden sind real.
Aber ihre Größenordnung muss im Verhältnis zu anderen Risiken betrachtet werden.
Wie viele Wölfe leben überhaupt in Vorarlberg?
Auch hier lohnt sich der Blick auf die tatsächlichen Zahlen.
Landeswildbiologe Hubert Schatz schätzt derzeit ungefähr fünf bis zehn Wölfe in Vorarlberg.
Ein Rudel gibt es nach seinem Kenntnisstand nicht. Bei den Tieren handelt es sich überwiegend um durchziehende Wölfe [1].
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn wenn öffentlich über „den Wolf“ gesprochen wird, entsteht schnell das Bild einer sich flächendeckend ausbreitenden Population, die auf jeder Alm präsent wäre.
Die Realität in Vorarlberg sieht derzeit anders aus.
Gleichzeitig darf ein durchziehender Wolf natürlich trotzdem Nutztiere reißen.
Genau das geschah beispielsweise Anfang August 2026 im Montafon. Nach dem Riss eines Jungrinds wurde ein Wolf zum Abschuss freigegeben und kurz darauf getötet. Spätere DNA-Untersuchungen bestätigten, dass das erlegte Tier tatsächlich an Rissen beteiligt war; gleichzeitig zeigten die Analysen, dass bei einem weiteren Riss noch ein zweiter Wolf beteiligt gewesen war [4][5].
Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum auch die Gegenseite nicht mit einfachen Parolen weiterkommt.
Es gibt reale Problemfälle.
Die Frage lautet nicht, ob sie existieren.
Die Frage lautet:
Welche Maßnahme verhindert den nächsten Riss am zuverlässigsten?
Warum der Wolf emotional so viel größer wird als die Statistik
Ein Tier, das an TBC erkrankt und deshalb getötet werden muss, löst eine andere emotionale Reaktion aus als ein Wolf, der nachts ein Schaf oder Kalb reißt.
Ein Absturz ist ein Unfall.
Ein Steinschlag ist Naturgewalt.
Der Wolf dagegen ist ein handelndes Gegenüber.
Er kommt.
Er jagt.
Er tötet.
Und er verschwindet wieder.
Das macht ihn psychologisch vollkommen anders wahrnehmbar.
Hinzu kommen jahrhundertealte kulturelle Bilder: der böse Wolf, der Räuber, der Eindringling, die Bedrohung für Herde und Mensch.
Deshalb reicht die reine Rissstatistik nicht aus, um die Reaktionen von Landwirten zu verstehen.
Auch Landesrat Christian Gantner weist darauf hin, dass Wolfspräsenz Unruhe bei Weidetieren verursachen und für Älplerinnen und Älpler eine erhebliche emotionale Belastung darstellen könne [1].
Das sollte man ernst nehmen.
Wer morgens auf eine Weide kommt und ein schwer verletztes Tier findet, erlebt keine Statistik.
Er erlebt Leid.
Aber emotionale Belastung und sachgerechte politische Maßnahme sind zwei verschiedene Ebenen.
Und dann landet die Debatte sehr schnell beim Gewehr
Vorarlberg hat seine Rechtslage 2026 deutlich verändert.
Seit April erlaubt § 41a des Vorarlberger Jagdgesetzes den Abschuss eines Wolfes auch dann, wenn das Leben oder die Gesundheit von Menschen oder von Nutztieren auf Alpen und Weiden unmittelbar gefährdet ist. Ein bereits eingetretener Riss ist dafür nicht zwingend erforderlich [6].
Politisch wurde diese Änderung mit der Notwendigkeit eines schnelleren und praxistauglicheren Wolfsmanagements begründet [7].
Auch auf EU-Ebene wurde der Schutzstatus verändert. Die Richtlinie (EU) 2025/1237 verschob den Wolf von Anhang IV in Anhang V der FFH-Richtlinie. Die Mitgliedstaaten müssen die Änderung bis spätestens 15. Jänner 2027 umsetzen. Der Wolf bleibt damit eine geschützte Art; die Änderung eröffnet aber größere Spielräume für Managementmaßnahmen. Mitgliedstaaten können gleichzeitig strengere Schutzregelungen beibehalten [8].
Damit ist die politische Diskussion über Abschüsse längst keine theoretische mehr.
Umso wichtiger ist die nächste Frage:
Funktioniert Abschuss überhaupt als Herdenschutz?
Kurt Kotrschal: „Am Herdenschutz führt kein Weg vorbei.“
Kaum jemand hat die österreichische Debatte über Wolf, Hund und Mensch so kontinuierlich begleitet wie der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal.
Kotrschal gehörte 2008 gemeinsam mit Friederike Range und Zsófia Virányi zu den Gründern des Wolf Science Center. Dort werden Wölfe und Hunde unter vergleichbaren Bedingungen gehalten und hinsichtlich Sozialverhalten, Kognition, Domestikation und ihrer Beziehung zum Menschen untersucht. Seit 2017 ist das Wolf Science Center eine Core Facility der Veterinärmedizinischen Universität Wien [9].
Seine wissenschaftliche Arbeit geht weit über die öffentliche Wolfsdebatte hinaus. Die Universität Wien führt eine umfangreiche Publikationsliste; 2023 veröffentlichte Kotrschal etwa den peer-reviewten Review „Wolf–Dog–Human: Companionship Based on Common Social Tools“, in dem er die sozialen und kooperativen Gemeinsamkeiten von Wolf, Hund und Mensch untersucht [10].
Seine Position zum Herdenschutz ist seit Jahren ausgesprochen deutlich.
„Am Herdenschutz führt kein Weg vorbei.“ [11]
Kotrschal sagt zugleich ausdrücklich, dass auch Herdenschutz keine hundertprozentige Sicherheit bieten könne. Seine Argumentation lautet vielmehr: Abschüsse ersetzen Prävention nicht [11].
Im April 2026 formulierte er seine Kritik noch schärfer:
„Mit dem Vorgaukeln, man würde das Problem mit Abschuss lösen, lässt man die Bauern und Bäuerinnen im Regen stehen.“ [12]
Für ein konfliktarmes Zusammenleben brauche es nach seiner Auffassung hochwertige Schutzmaßnahmen und stabile Rudelstrukturen [12].
Aber auch Kotrschal muss an der Forschung gemessen werden
Kotrschals fachliche Erfahrung ist erheblich.
Trotzdem wird eine Aussage nicht automatisch wissenschaftliche Tatsache, nur weil ein renommierter Forscher sie ausspricht.
Also habe ich auch diese Aussage geprüft.
Eine Studie aus der Slowakei untersuchte die Jahre 2014 bis 2019 und fragte, ob reguläre öffentliche Wolfsjagd mit weniger Nutztierrissen verbunden war.
Das Ergebnis: Die Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen der Zahl geschossener Wölfe und den Nutztierverlusten. Einen stärkeren Zusammenhang fanden sie dagegen mit der Menge verfügbarer natürlicher Beutetiere [13].
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung aus den Golanhöhen analysierte neun Jahre verifizierter Wolfsrisse und Abschüsse. Auch dort reduzierte letale Kontrolle wiederkehrende Risse in den untersuchten Maßstäben nicht zuverlässig. Ein Betrieb mit intensiven Abschüssen hatte keine erkennbar geringere Prädation als ein Betrieb mit überwiegend nichtletalen Maßnahmen [14].
Auch eine Übersichtsarbeit von Bruns, Waltert und Khorozyan kam zu dem Ergebnis, dass letale Kontrolle und Umsiedlung in den ausgewerteten Fällen insgesamt weniger wirksam waren als verschiedene präventive Maßnahmen wie Zäune, Abschreckungsmethoden und Herdemanagement [15].
Das spricht deutlich gegen die Vorstellung:
Wolf abschießen – Problem erledigt.
Aber die Wissenschaft ist auch hier nicht schwarz-weiß.
Es gibt Studien, in denen gezielte Entnahmen einen Effekt hatten
Eine nordamerikanische Studie von Bradley und Kollegen untersuchte 967 Rissereignisse bei 156 Wolfsrudeln.
Dort verlängerte die vollständige Entfernung eines Rudels die Zeit bis zu einem erneuten Riss im betreffenden Gebiet erheblich. Auch eine rasche teilweise Entnahme konnte das Wiederholungsrisiko reduzieren, wobei der Effekt deutlich geringer war [16].
Das muss in einem seriösen Artikel stehen.
Denn es wäre wissenschaftlich genauso unsauber zu behaupten:
„Abschüsse können niemals funktionieren.“
Was die Forschung vielmehr zeigt, ist:
Breite, nicht zielgerichtete oder prophylaktische Bejagung ist kein zuverlässig belegter Ersatz für Herdenschutz.
Eine sehr gezielte Entnahme eines nachweislich wiederholt Nutztiere reißenden Individuums oder Rudels kann dagegen unter bestimmten Bedingungen lokale Effekte haben.
Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Aussagen.
Und genau diese Differenzierung fehlt in vielen Debatten.
Der Herdenschutz funktioniert – aber nicht als Zaubertrick
Auch beim Herdenschutz wird gerne übertrieben.
Die eine Seite behauptet:
„Man muss nur einen Zaun aufstellen.“
Die andere:
„Auf unseren Alpen ist Herdenschutz grundsätzlich unmöglich.“
Beides hält einer genaueren Prüfung nicht stand.
Bruns und Kollegen fanden in ihrer Übersichtsarbeit bei verschiedenen Präventionsmethoden deutliche Reduktionen von Wolfsangriffen. Besonders elektrische Zäune und bestimmte Abschreckungsmethoden schnitten gut ab. Herdenschutzhunde zeigten ebenfalls Wirkung, allerdings variabler und stark abhängig von den jeweiligen Bedingungen [15].
Eine besonders interessante österreichische Untersuchung erschien im April 2026.
Isabella Faffelberger und Felix Knauer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien entwickelten ein Modell für Herdenschutz auf österreichischen Alpen und überprüften es zusätzlich bei 22 Almbegehungen.
Ihr Ergebnis ist bemerkenswert:
Für alle derzeit auf österreichischen Alpen gehaltenen Schafe und Ziegen lasse sich technisch ein schützbarer Standort beziehungsweise ein Schutzkonzept finden – etwa über Elektrozäune oder über gelenkte Herden mit Hirten, Hütehunden, Herdenschutzhunden und Nachtpferchen [17].
Das bedeutet allerdings nicht:
„Alles ganz einfach.“
Die Autoren sagen ausdrücklich, dass ihre Untersuchung die technische Machbarkeit bewertet. Arbeitskräfte, Kosten, Besitzverhältnisse, Akzeptanz, Verträge und organisatorische Realität wurden nicht vollständig abgebildet.
Teilweise müssten Tiere sogar auf andere Almflächen verlegt werden.
Die Wissenschaft sagt deshalb nicht:
„Jeder Bauer kann morgen einfach einen Zaun aufstellen.“
Sie sagt aber ebenso wenig:
„Herdenschutz in den österreichischen Alpen ist grundsätzlich unmöglich.“
Und dieser Unterschied ist entscheidend.
Der Herdenschutzhund ist kein großer Wachhund, den man einfach zur Herde stellt
Gerade bei Herdenschutzhunden wird in der öffentlichen Diskussion vieles unterschätzt.
Ein Herdenschutzhund ist kein normaler Hofhund.
Er lebt weitgehend im sozialen Verband der Nutztiere, muss zuverlässig zwischen tatsächlicher Bedrohung und normalen Reizen unterscheiden und gleichzeitig mit Wanderern, Radfahrern und fremden Hunden zurechtkommen.
Das Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs prüft bei der Zertifizierung deshalb unter anderem Begegnungen mit Passanten, Radfahrern und fremden Hunden. Aggressives Verhalten darf dabei nicht gezeigt werden [18].
Und auch rechtlich ist sein Einsatz anspruchsvoll.
In Österreich müssen mindestens zwei Herdenschutzhunde gemeinsam eingesetzt werden. Auf einer nicht eingezäunten Alm darf ihr Einsatz nur unter menschlicher Anleitung und Begleitung während zumindest des überwiegenden Teils des Tages erfolgen. Auf eingezäunten Weiden muss mindestens zweimal täglich kontrolliert werden [19].
Das ist ein entscheidender Punkt.
Wer sagt:
„Die Bauern sollen halt einen Herdenschutzhund nehmen“
macht es sich zu einfach.
Ein funktionierendes Herdenschutzsystem kann bedeuten:
andere Herdenführung,
mehr Personal,
mehr Kontrolle,
mehr Verantwortung,
zusätzliche Hunde,
Ausbildung,
Tierarztkosten,
Versicherung,
Konfliktmanagement mit Wanderern,
und teilweise eine grundlegende Veränderung traditioneller freier Alpung.
Das kostet nicht nur Geld.
Es kostet Arbeit.
Genau deshalb wird es jetzt beim Fördergeld interessant
Denn Geld wäre grundsätzlich vorhanden.
Die Europäische Kommission nennt Herdenschutzhunde, Zäune, Hirtenunterkünfte und Behirtung ausdrücklich als Maßnahmen, die über die Gemeinsame Agrarpolitik unterstützt werden können [20].
Investitionen wie Schutzzäune oder die Anschaffung von Herdenschutzhunden können im Rahmen der entsprechenden GAP-Instrumente sogar bis zu 100 Prozent finanziert werden. Auch zusätzliche Arbeitskosten, Zaunpflege sowie Futter- und Tierarztkosten für Herdenschutzhunde können grundsätzlich über geeignete Agrarumwelt- oder Eco-Scheme-Instrumente unterstützt werden [21].
Das ist allerdings eine EU-rechtliche Fördermöglichkeit.
Es bedeutet nicht, dass jeder österreichische Betrieb automatisch 100 Prozent seiner Kosten ersetzt bekommt.
Dazu müssen Bund beziehungsweise Länder die entsprechenden Instrumente in ihre Förderprogramme aufnehmen.
Und genau dort wird es interessant.
Österreich bezahlt inzwischen 1.200 Euro pro Herdenschutzhund
Im österreichischen ÖPUL-Programm gibt es die Maßnahme „Tierwohl – Behirtung“.
Gefördert werden Behirtung und der Einsatz von Herdenschutzhunden [22].
Der Zuschlag für einen Herdenschutzhund betrug 2024 756 Euro.
Ab dem Antragsjahr 2025 wurde er auf 1.200 Euro pro Hund erhöht, für maximal fünf Hunde pro Alm.
Und der Grund für die Erhöhung ist ausgesprochen aufschlussreich.
Im ersten Antragsjahr waren lediglich acht Herdenschutzhunde über diese Regelung beantragt worden.
Das Landwirtschaftsministerium begründete die Erhöhung ausdrücklich mit der geringen Beantragung und dem Ziel, die Maßnahme attraktiver zu machen [23].
Acht Hunde.
Für ganz Österreich.
Diese Zahl sollte in einer Diskussion über angeblich alternativlose Wolfsabschüsse zumindest Fragen auslösen.
Auch Vorarlberg fördert Herdenschutz
Vorarlberg besitzt zusätzlich eine eigene Herdenschutzrichtlinie.
Das Land übernimmt derzeit 50 Prozent der anerkennbaren Nettokosten technischer Herdenschutzmaßnahmen.
Je nach Herdengröße werden bei Schafen und Ziegen Kosten bis zu 3.000 Euro anerkannt. Diese Höchstbeträge können während der Laufzeit der aktuellen Richtlinie zweimal ausgeschöpft werden [24].
Noch interessanter wird die Förderlogik beim Vergleich von Prävention und Schaden:
Für Herdenschutz werden 50 Prozent der anerkannten Kosten übernommen.
Behandlungskosten verletzter Nutztiere und Entschädigungen für durch Wolf oder Bär getötete Nutztiere übernimmt das Land dagegen zu 100 Prozent [24].
Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung:
Nach einem ersten Angriff können Entschädigungen grundsätzlich davon abhängig sein, dass angemessene Präventionsmaßnahmen gesetzt wurden – sofern diese nach vernünftigem Ermessen überhaupt möglich sind [24].
Man kann deshalb nicht seriös behaupten:
„Der Bauer bekommt den Riss sowieso vollständig bezahlt und braucht überhaupt nichts zu schützen.“
So einfach ist das System nicht.
Aber man darf durchaus fragen, ob eine Förderstruktur optimal gestaltet ist, bei der Prävention teilweise kofinanziert werden muss, während eingetretener Schaden vollständig ersetzt werden kann.
Vorarlbergs Landwirtschaft bekommt erhebliche öffentliche Unterstützung
An diesem Punkt kommt die Frage auf, die oft wesentlich emotionaler formuliert wird:
Warum werden öffentliche Förderungen für Landwirtschaft selbstverständlich in Anspruch genommen, während beim Herdenschutz so häufig erklärt wird, dies sei wirtschaftlich oder praktisch nicht zumutbar?
Auch hier helfen Zahlen.
Im Alpsommer 2025 wurden in Vorarlberg 513 Alpen von 1.062 Älplerinnen und Älplern bewirtschaftet. Insgesamt waren dort 39.516 Tiere.
Zur Abgeltung dieser Leistungen wurden nach Angaben des Landes ungefähr 14 Millionen Euro bereitgestellt, davon rund 4,5 Millionen Euro aus Landesmitteln [25].
Für Landwirtschaft insgesamt wurden 2025 in Vorarlberg rund 40,8 Millionen Euro investiert – für sehr unterschiedliche Zwecke von Kulturlandschaft und Tierwohl über Versorgungssicherheit bis hin zu Infrastruktur [25].
Das erwähne ich nicht, um Landwirtschaftsförderung zu skandalisieren.
Berglandwirtschaft produziert nicht nur Lebensmittel. Sie pflegt Kulturlandschaft, erhält Weideflächen, schafft regionale Wertschöpfung und erfüllt Leistungen, die politisch ausdrücklich gefördert werden sollen.
Förderung ist nicht automatisch „Geld abgreifen“.
Aber öffentliche Finanzierung erzeugt auch eine legitime Gegenfrage:
Wenn die Gesellschaft die Bewirtschaftung alpiner Landschaften mit beträchtlichen öffentlichen Mitteln unterstützt, darf sie dann nicht ebenfalls erwarten, dass wissenschaftlich sinnvolle Anpassungen an die Rückkehr großer Beutegreifer zumindest ernsthaft erprobt werden?
Ich halte diese Frage für vollkommen legitim.
„Die Bauern wollen nur Geld“ – lässt sich das belegen?
Nein.
In dieser Pauschalität nicht.
Ich habe keine belastbare wissenschaftliche Grundlage gefunden, aus der man ableiten könnte, österreichische Landwirte würden generell bewusst Fördergelder kassieren und Herdenschutz aus Bequemlichkeit verweigern.
So eine Behauptung wäre unfair.
Was sich dagegen durchaus belegen lässt, ist etwas differenzierter – und letztlich interessanter:
Es gibt eine erhebliche Umsetzungslücke.
Fördermöglichkeiten existieren.
Der Herdenschutzhund-Zuschlag wurde sogar erhöht, weil er kaum beantragt wurde.
Gleichzeitig existieren in Teilen der Landwirtschaft deutliche Vorbehalte gegen Herdenschutz.
Und diese Ablehnung hat nicht nur technische Ursachen.
Forschung aus Südtirol zeigt: Es geht um mehr als Geld
Südtirol eignet sich für einen Vergleich besonders gut, weil Almstruktur, Tourismus und Viehwirtschaft viele Ähnlichkeiten mit österreichischen Alpenregionen aufweisen.
Die Forscherin Julia Stauder befragte 45 Schafhalter auf vier Südtiroler Alpen.
Das Ergebnis:
Die Haltung gegenüber Herdenschutzmaßnahmen war überwiegend negativ. Als Gründe wurden technische Schwierigkeiten, zusätzlicher Arbeitsaufwand und emotionale Belastung genannt.
Aber die Studie fand noch etwas anderes:
Sozialer Druck spielte eine erhebliche Rolle.
Familie, andere Landwirte und das soziale Umfeld konnten die Bereitschaft, Herdenschutz einzusetzen, sowohl fördern als auch behindern. Zusätzlich wurden fehlende Beratung und unzureichende Finanzierung zusätzlicher Kosten genannt [26].
Eine zweite, 2026 veröffentlichte Südtiroler Untersuchung bestätigt dieses Bild.
Dort identifizierten Forscher neben technischen Problemen unter anderem Personalmangel, zusätzliche Arbeit, sozialen Widerstand, begrenzte professionelle Unterstützung, Finanzierungsprobleme und ein grundsätzlich unter wirtschaftlichem Druck stehendes Almwirtschaftssystem [27].
Das ist etwas vollkommen anderes als:
„Die Bauern sind zu faul.“
Das Problem sitzt tiefer.
Man müsste teilweise ein ganzes Bewirtschaftungssystem verändern
Viele alpine Weidesysteme entstanden in einer Zeit, in der große Beutegreifer praktisch nicht vorhanden waren.
Schafe können deshalb teilweise über große Flächen frei und vergleichsweise wenig überwacht weiden.
Herdenschutz verlangt häufig das Gegenteil:
kompaktere Herden,
regelmäßige Kontrolle,
Behirtung,
Nachtpferche,
Elektrozäune,
Herdenschutzhunde.
Das bedeutet eine strukturelle Veränderung.
Und genau darin liegt vermutlich einer der größten Konflikte.
Nicht:
Wolf gegen Bauer.
Sondern:
Wolf gegen ein Bewirtschaftungsmodell, das über Jahrzehnte ohne Wolf funktioniert hat.
Die aktuelle österreichische Studie von Faffelberger und Knauer kommt deshalb zu einem sehr interessanten Schluss: Herdenschutz sei technisch auch im österreichischen Alpenraum möglich, werde aber teilweise erhebliche institutionelle, soziale und wirtschaftliche Veränderungen verlangen [17].
Das ist deutlich ehrlicher als beide politischen Extreme.
Herdenschutz kostet vor allem Arbeitszeit
Ein aktuelles EU-Praxisprojekt aus der italienischen Provinz Grosseto zeigt, warum es nicht genügt, einem Betrieb einen Zaun oder Hund zu bezahlen.
Dort wurden 86 Betriebe begleitet. Auf 27 Höfen wurden insgesamt 45 Herdenschutzhunde eingesetzt, auf 67 Betrieben entstanden 79 Schutzzäune.
Die Maßnahmen reduzierten nach Angaben der EU-Kommission die Zahl der Angriffe um 47 Prozent und die Zahl getöteter Tiere um 50 Prozent [28].
Aber der wirtschaftlich vielleicht interessanteste Wert ist ein anderer.
Die Kosten für Herdenschutz wurden auf ungefähr 43 bis 54 Euro pro Tier und Jahr geschätzt.
52 Prozent dieser Kosten bestanden aus zusätzlicher Arbeit, vor allem Familienarbeit [28].
Das erklärt einiges.
Einen Elektrozaun zu fördern ist vergleichsweise einfach.
Jemanden zu bezahlen, der ihn kontrolliert, freischneidet, versetzt, repariert und täglich Tiere führt, ist wesentlich schwieriger.
Genau deshalb kann Herdenschutz trotz vorhandener Förderungen für einen einzelnen Betrieb weiterhin unattraktiv sein.
Kurt Kotrschal geht noch einen Schritt weiter
In einem Interview mit der Initiative für ein Bundes-Jagdgesetz wurde Kotrschal konkret gefragt, warum ausreichender Herdenschutz in Österreich nicht umgesetzt werde.
Seine Antwort ist ausgesprochen deutlich.
Er macht nicht nur einzelne Landwirte verantwortlich, sondern sieht Widerstand insbesondere bei bäuerlichen Interessenvertretungen und argumentiert, dadurch würden vorhandene EU-Möglichkeiten nicht ausreichend genutzt [29].
Das ist eine Aussage Kotrschals.
Kein durch diese Aussage allein bewiesener Sachverhalt.
Aber einige der recherchierten Zahlen passen zumindest zu seiner Diagnose:
Der Bund musste die Herdenschutzhundprämie wegen außergewöhnlich geringer Nachfrage erhöhen.
EU-Fördermöglichkeiten werden in Österreich nur teilweise ausgeschöpft.
Neuere Forschung beschreibt in alpinen Landwirtschaftssystemen neben praktischen Hindernissen auch sozialen und institutionellen Widerstand gegen Herdenschutz [17][23][27].
Deshalb sollte diese Kritik nicht einfach als „Wolfsromantik“ abgetan werden.
Sie verdient eine sachliche Antwort.
Gleichzeitig gibt es berechtigte Einwände der Landwirtschaft
Auch diese Seite gehört vollständig in den Artikel.
Eine weitläufige Hochalpe mit steilem, zerklüftetem Gelände ist etwas anderes als eine eingezäunte Talweide.
Nach dem Rinderriss in Tschagguns erklärte das Land beispielsweise, auf der betreffenden Hochalpe seien klassische Herdenschutzmaßnahmen aufgrund von Gelände und Vegetation nicht praktikabel [4].
Herdenschutzhunde können außerdem Konflikte mit Wanderern und freilaufenden Begleithunden erzeugen. Die Europäische Kommission beschreibt solche Nutzungskonflikte ausdrücklich aus Regionen, in denen Herdenschutzhunde bereits länger eingesetzt werden [30].
Dazu kommen Personalmangel, Haftungsfragen, Ausbildung, Haltungsanforderungen und die Tatsache, dass mindestens zwei Hunde notwendig sind.
Deshalb kann die Antwort nicht lauten:
Jeder Bauer bekommt morgen zwei Hunde und das Problem ist erledigt.
Aber genauso wenig kann die Antwort lauten:
Unsere Landschaft ist anders, also funktioniert Herdenschutz bei uns grundsätzlich nicht.
Genau diese pauschale Behauptung wird durch die österreichische Forschung von 2026 erheblich infrage gestellt [17].
Vielleicht fördern wir bislang die falschen Dinge
Wenn mehr als die Hälfte der tatsächlichen Herdenschutzkosten aus Arbeit besteht, dann ist eine reine Investitionsförderung nur die halbe Lösung.
Ein Landwirt benötigt möglicherweise nicht primär Geld für einen Zaun.
Er benötigt:
Personal.
Ausgebildete Hirten.
Beratung.
Herdenschutzhunde aus geeigneten Arbeitslinien.
Ausbildung.
Versicherung.
tierärztliche Betreuung.
Unterkünfte auf der Alm.
Unterstützung beim Konfliktmanagement mit Touristen.
Und langfristige Planungssicherheit.
Die EU-Kommission weist ausdrücklich darauf hin, dass die GAP grundsätzlich nicht nur Investitionen, sondern auch bestimmte laufende Kosten und zusätzliche Arbeit unterstützen kann [20][21].
Die Frage lautet also nicht nur:
Gibt es Geld?
Sondern:
Wofür wird es verwendet – und ist das Fördermodell so gebaut, dass ein Betrieb damit tatsächlich sein Bewirtschaftungssystem verändern kann?
Das ist eine wesentlich bessere Frage.
Abschuss ist politisch viel einfacher als Strukturveränderung
Ein Wolf reißt ein Tier.
Eine Abschussverordnung wird erlassen.
Ein Jäger schießt den Wolf.
Das Problem wirkt gelöst.
Politisch ist das leicht vermittelbar.
Herdenschutz funktioniert anders.
Er braucht Planung.
Beratung.
Ausbildung.
Personal.
Fördermodelle.
Kontrollen.
Zusammenarbeit zwischen Bauern, Behörden, Tourismus, Naturschutz und Bevölkerung.
Und er kostet jedes Jahr wieder Arbeit.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Attraktivität der Abschussdebatte.
Nicht zwingend, weil irgendjemand böse Absichten hätte.
Sondern weil eine sichtbare Sofortmaßnahme politisch leichter kommunizierbar ist als ein jahrelanger Strukturwandel.
Dabei zeigt gerade Vorarlberg, dass Abschuss das Problem nicht automatisch beendet
Anfang August wurde im Montafon jener Wolf getötet, der nach späteren DNA-Ergebnissen tatsächlich für mehrere Risse verantwortlich war [5].
Das ist genau jener Fall, den Befürworter gezielter Entnahmen als funktionierendes Management anführen können.
Und dennoch zeigte die weitere DNA-Auswertung:
Bei zumindest einem der damaligen Risse war ein zweiter Wolf beteiligt.
Im September wurde im Bezirk Bludenz außerdem erneut ein Schaf gerissen [5].
Das heißt nicht, dass der Abschuss wirkungslos war.
Der identifizierte Schadwolf konnte danach keine weiteren Tiere mehr reißen.
Aber es zeigt die Grenze des Instruments:
Das Töten eines Wolfes erzeugt keinen Herdenschutz.
Der nächste durchziehende Wolf trifft weiterhin auf dieselbe Herde und dasselbe Haltungssystem.
Und genau hier halte ich die Wolfsdebatte für unehrlich
Wir reden sehr viel darüber, wie viele Wölfe wir dulden wollen.
Wir reden deutlich weniger darüber, wie unsere Nutztierhaltung aussehen muss, wenn Wölfe vorhanden sind.
Dabei ist genau das die langfristige Frage.
Der Wolf ist in große Teile Europas zurückgekehrt.
Sein europäischer Schutzstatus wurde inzwischen abgesenkt, aber er bleibt geschützt [8].
Selbst umfangreichere Abschüsse würden nicht bedeuten, dass niemals wieder ein Wolf aus Italien, der Schweiz, Deutschland, Slowenien oder anderen Populationen nach Österreich einwandert.
Wölfe legen große Distanzen zurück.
Ein System, das nur funktioniert, solange überhaupt kein Wolf auftaucht, bleibt deshalb grundsätzlich verwundbar.
Herdenschutzhunde könnten dabei eine größere Rolle spielen – aber wir müssten sie wirklich wollen
Als Hundetrainer interessiert mich dieser Aspekt besonders.
Ein guter Herdenschutzhund arbeitet nicht wie ein klassischer Schutzhund.
Er soll den Wolf möglichst gar nicht bekämpfen müssen.
Seine wichtigste Wirkung besteht darin, Präsenz zu zeigen, die Herde territorial abzusichern und dem Wolf zu signalisieren:
Hier ist der Zugang schwierig und riskant.
Das funktioniert am besten in einem Gesamtsystem.
Kompakte Herde.
Geeignete Hunde.
Menschen.
Zaun oder Nachtpferch, wo sinnvoll.
Kontrolle.
Management.
Und genau deshalb darf der Herdenschutzhund weder romantisiert noch als untauglich abgetan werden.
Er ist ein hochspezialisierter Arbeitshund.
Und sein erfolgreicher Einsatz verlangt Wissen.
Vielleicht wäre genau hier österreichisches Hundewissen gefragt
Österreich diskutiert heute intensiv über Sachkundenachweise für private Hundehalter.
Gleichzeitig steht beim Herdenschutz ein hochkomplexer Arbeitshund im Zentrum einer gesellschaftlich wichtigen Aufgabe.
Warum investieren wir nicht erheblich stärker in:
Ausbildungsprogramme,
geeignete Zuchtlinien,
professionelle Aufzuchtbetriebe,
Zertifizierung,
Beratung für Almbetriebe,
Tourismuskonzepte,
Informationsprogramme für Wanderer,
und langfristig finanzierte Herdenschutzteams?
Das Österreichzentrum besitzt inzwischen Zertifizierungsstandards, und das Tierschutzrecht definiert konkrete Anforderungen an den Einsatz [18][19].
Die Strukturen beginnen also zu entstehen.
Die tatsächliche Verbreitung ist dagegen weiterhin sehr gering.
Das eigentliche Problem heißt vielleicht gar nicht Wolf
Je länger ich mich mit den Studien beschäftigt habe, desto deutlicher wird etwas anderes.
Die Rückkehr des Wolfs legt ein Problem offen, das schon vorher vorhanden war:
Almwirtschaft steht unter erheblichem wirtschaftlichem und personellem Druck.
Betriebe verschwinden.
Geeignete Arbeitskräfte fehlen.
Hirtenarbeit ist anstrengend und vergleichsweise schlecht bezahlt.
Viele Systeme funktionieren nur durch öffentliche Förderungen und enorme familiäre Arbeitsleistung.
Die Südtiroler Forschung beschreibt genau diese strukturellen Probleme [27].
Der Wolf verursacht sie nicht.
Er verschärft sie.
Und vielleicht wird er deshalb zum Symbol für sehr viel mehr.
Für Strukturwandel.
Für Bürokratie.
Für das Gefühl, von einer urbanen Gesellschaft nicht verstanden zu werden.
Für die Angst, traditionelle Bewirtschaftung zu verlieren.
Wenn das stimmt, dann wird man diesen Konflikt auch mit hundert Abschussverordnungen nicht lösen.
Auch Naturschützer sollten nicht von oben herab argumentieren
Umgekehrt gehört für mich ebenso klar ausgesprochen:
Es hilft keinem Bauern, wenn jemand aus einer Stadt erklärt, er solle „halt einen Zaun aufstellen“.
Herdenschutz bedeutet reale Mehrarbeit.
Er kann Geld kosten.
Er kann traditionelle Arbeitsabläufe verändern.
Und er kann auf bestimmten Flächen ausgesprochen schwierig sein.
Wer Koexistenz fordert, muss deshalb auch bereit sein, deren Kosten gesellschaftlich mitzutragen.
Das bedeutet für mich:
nicht nur Entschädigung nach dem Riss,
sondern Finanzierung vor dem Riss.
Nicht nur Material,
sondern Arbeitszeit.
Nicht nur Broschüren,
sondern Menschen vor Ort.
Nicht nur Forderungen,
sondern Beratung und langfristige Begleitung.
Die Beispiele aus Italien zeigen, dass genau diese intensive Zusammenarbeit Herdenschutz deutlich erfolgreicher machen kann [28].
Was bleibt also von der Behauptung „Die Bauern wollen nur kassieren“?
Nach dieser Recherche würde ich sie so nicht schreiben.
Sie ist zu pauschal.
Und sie wird der Arbeit vieler Landwirte nicht gerecht.
Was ich aber sehr wohl schreiben würde, ist:
Österreich hat ein erklärungsbedürftiges Herdenschutzdefizit.
Es existieren EU-Fördermöglichkeiten.
Es existieren nationale Förderprogramme.
Es existieren Landesförderungen.
Die Förderung für Herdenschutzhunde musste sogar erhöht werden, weil sie kaum genutzt wurde.
Gleichzeitig wird öffentlich immer wieder argumentiert, Herdenschutz sei praktisch nicht möglich.
Neuere Forschung zeigt dagegen: technisch lässt sich für österreichische Schafe und Ziegen auf Alpen grundsätzlich ein schützbares System finden – allerdings teilweise nur mit erheblichen Änderungen des bestehenden Bewirtschaftungsmodells [17][23].
Genau dieser Widerspruch gehört diskutiert.
Nicht beleidigend.
Nicht pauschalisierend.
Aber sehr deutlich.
Die wahrscheinlich unbequemste Frage lautet deshalb: Was wollen wir eigentlich fördern?
Wollen wir ein System finanzieren, das im Wesentlichen versucht, den Zustand vor der Rückkehr des Wolfs unverändert zu erhalten?
Oder finanzieren wir eine Landwirtschaft, die sich an eine veränderte ökologische Realität anpassen kann?
Das ist keine Frage, die ein einzelner Bauer beantworten kann.
Es ist eine gesellschaftliche und politische Entscheidung über Förderstrukturen, Arbeit, Tourismus, Naturschutz und Landwirtschaft.
Die EU stellt Instrumente zur Verfügung.
Die Wissenschaft liefert zunehmend Wissen darüber, was funktioniert.
Die technische Machbarkeit ist größer, als häufig behauptet wird.
Gleichzeitig sind die Kosten und organisatorischen Hürden real.
Damit bleibt keine bequeme Ausrede für irgendeine Seite.
Und was ist mit dem Wolf selbst?
Bei all diesen Diskussionen gerät das Tier beinahe aus dem Blick.
Der Wolf ist weder der romantische Wächter eines unberührten Ökosystems noch das blutrünstige Monster aus dem Märchen.
Er ist ein hochsoziales, intelligentes Raubtier.
Kotrschals jahrzehntelange Arbeit über Wolf, Hund und Mensch zeigt gerade, wie komplex das Sozialverhalten dieser Tiere ist [9][10].
Ein Wolf tötet kein Schaf aus Bosheit.
Er nutzt eine Nahrungsquelle, wenn sie verfügbar und vergleichsweise leicht zugänglich ist.
Und genau deshalb ist Herdenschutz überhaupt möglich.
Er versucht nicht, den Wolf moralisch zu überzeugen.
Er verändert seine Kosten-Nutzen-Rechnung.
Ungeschütztes Schaf: leicht.
Geschlossene Herde, Stromzaun, Menschen und zwei Herdenschutzhunde: schwierig.
Das ist Verhalten.
Mein Fazit: Die acht Wolfsrisse sind nicht die wichtigste Zahl
Der ORF-Beitrag beginnt mit einer provokanten Zahl:
Steinschlag tötet mehr Rinder als der Wolf.
Eine wichtige Zahl.
Aber nach dieser Recherche halte ich eine andere Zahl fast für bedeutender:
Acht.
Acht Herdenschutzhunde wurden im ersten Förderjahr über das entsprechende österreichische Programm beantragt.
So wenige, dass der Bund die Förderung danach deutlich erhöhen musste [23].
Diese Zahl beweist nicht, dass Bauern Herdenschutz verweigern.
Sie beweist nicht, dass Herdenschutzhunde überall funktionieren würden.
Und sie beweist schon gar nicht, dass Landwirtschaft keine berechtigten Sorgen hat.
Aber sie zeigt eine enorme Lücke zwischen dem, was öffentlich über fehlende Alternativen gesagt wird, und dem, was tatsächlich umgesetzt wird.
Genau diese Lücke interessiert mich mehr als die nächste Abschussverordnung.
Denn die Wissenschaft liefert keinen überzeugenden Beleg dafür, dass allgemeine oder unspezifische Wolfsbejagung dauerhaft das Rissproblem löst. Gleichzeitig zeigt sie, dass gezielte Entfernung konkreter problematischer Tiere unter bestimmten Bedingungen lokal Wirkung haben kann [13][14][16].
Herdenschutz wiederum kann Schäden deutlich reduzieren, ist aber arbeitsintensiv, teuer und verlangt in manchen Regionen erhebliche Veränderungen [15][17][28].
Damit ist die Realität komplizierter als beide Schlagworte:
„Wolf abschießen.“
und
„Bauern sollen einfach besser aufpassen.“
Beides reicht nicht.
Ich sehe die entscheidende Aufgabe woanders:
Wir müssen Herdenschutz so finanzieren, organisieren und professionalisieren, dass er für landwirtschaftliche Betriebe tatsächlich machbar wird.
Und dann dürfen wir im Gegenzug auch erwarten, dass vorhandene Möglichkeiten ernsthaft genutzt werden.
Denn wenn öffentliche Mittel fließen, kann Verantwortung keine Einbahnstraße sein.
Der Wolf ist zurück.
Die eigentliche Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob wir diese Tatsache mögen.
Die Frage lautet:
Sind wir bereit, unser Zusammenleben mit ihm genauso professionell zu organisieren, wie wir seine Abschüsse organisieren?
„Steinschlag tötet mehr Rinder als der Wolf.“
Diese aktuelle ORF-Recherche aus Vorarlberg hat mich neugierig gemacht.
Also habe ich weiterrecherchiert.
2026 standen zum Zeitpunkt der Erhebung acht Wolfsrisse 124 Tiertötungen im Rahmen der TBC-Bekämpfung gegenüber. Auf Vorarlbergs Alpen sterben durchschnittlich rund 300 Rinder pro Jahr aus unterschiedlichsten Gründen.
Trotzdem beherrscht kaum ein anderes Tier die landwirtschaftspolitische Debatte so stark wie der Wolf.
Noch interessanter wird es beim Herdenschutz.
EU-Fördermöglichkeiten existieren. Österreich fördert Behirtung und Herdenschutzhunde. Der Zuschlag wurde sogar von 756 auf 1.200 Euro pro Hund erhöht.
Warum?
Weil im ersten Förderjahr gerade einmal acht Herdenschutzhunde beantragt worden waren.
Also habe ich genauer hingesehen:
Funktioniert Herdenschutz auf österreichischen Alpen wirklich nicht?
Was kosten Herdenschutzhunde tatsächlich?
Warum reicht es nicht, einfach einen Hund zur Herde zu stellen?
Welche Rolle spielen Arbeitskräftemangel, Tourismus, Tradition und landwirtschaftliche Interessenvertretungen?
Und hat Kurt Kotrschal recht, wenn er sagt: „Am Herdenschutz führt kein Weg vorbei“?
Der neue ZEITKANTE DEEP DIVE versucht weder Bauern zu verurteilen noch den Wolf zu romantisieren.
Er stellt eine unbequemere Frage:
Wenn wir Millionen in die Alpwirtschaft investieren – warum investieren wir nicht mit derselben Konsequenz in ein funktionierendes System, das Nutztiere schützt, bevor sie gerissen werden?
HASHTAGS:
#Wolf #Herdenschutz #Herdenschutzhund #Wolfsabschuss #Vorarlberg #Österreich #Alpwirtschaft #Landwirtschaft #Naturschutz #Tierschutz #KurtKotrschal #ZEITKANTE
RECHERCHE
Quellenangaben
- [1]ORF Vorarlberg (2026): „Steinschlag tötet mehr Rinder als Wolf“. Beitrag vom 18. September 2026. Grundlage für die Vorarlberger Zahlen zu Steinschlag, durchschnittlichen Rinderverlusten, TBC, Wolfsrissen, Wolfsbestand und öffentlicher Kommunikation. [ORF Vorarlberg – Steinschlag tötet mehr Rinder als Wolf](https://vorarlberg.orf.at/stories/3371632/?utm_source=chatgpt.com)
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [2]
- [3]Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs (2026): Nutztierrisse 2025 nach Bundesländern. Detailzahlen für Vorarlberg.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [4]ORF Vorarlberg (2026): „Wolf in Vorarlberg zum Abschuss freigegeben“. Bericht vom 2. August 2026 über den Riss eines Jungrinds in Tschagguns und die Einschätzung zur Praktikabilität von Herdenschutz auf der betroffenen Hochalpe.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [5]ORF Vorarlberg (2026): DNA-Ergebnisse zu den Wolfsrissen im Montafon. Berichte vom 8. und 16. September 2026 über die genetische Zuordnung der Risse und die Beteiligung eines zweiten Wolfs.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [6]Land Vorarlberg / RIS (2026): Jagdgesetz § 41a. Regelung zum Abschuss eines Wolfs bei unmittelbarer Gefährdung.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [7]Land Vorarlberg (2026): Änderungen des Jagdgesetzes und der Wolfsmanagementverordnung. Darstellung der politischen und rechtlichen Begründung der Neuregelung.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [8]
- [9]Wolf Science Center: Geschichte und Forschungsauftrag. Das WSC wurde 2008 von Friederike Range, Zsófia Virányi und Kurt Kotrschal gegründet und gehört seit 2017 zur Veterinärmedizinischen Universität Wien. [Wolf Science Center – Geschichte](https://www.wolfscience.at/de/wsc-forschung/geschichte-des-wsc/?utm_source=chatgpt.com)
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [10]Kotrschal, K. (2023): „Wolf–Dog–Human: Companionship Based on Common Social Tools“. *Animals*, 13(17), 2729. Peer-reviewte Übersichtsarbeit zu sozialen und kooperativen Gemeinsamkeiten von Wolf, Hund und Mensch. DOI: 10.3390/ani13172729.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [11]
- [12]ORF.at (2026): „NGOs: Wolf nicht in günstigem Erhaltungszustand“. Enthält aktuelle Aussagen Kurt Kotrschals zu Abschüssen und hochwertigem Herdenschutz.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [13]Kutal, M.; Duľa, M.; Royer Selivanova, A.; López-Bao, J. V. (2023): „Testing a conservation compromise: No evidence that public wolf hunting in Slovakia reduced livestock losses“. *Conservation Letters*, 17, e12994. DOI: 10.1111/conl.12994.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [14]Nadler Valency, R. et al. (2025): „Effects of lethal and non-lethal wolf management measures on livestock depredation in the Golan Heights, Israel“. *Ecological Solutions and Evidence*, 6, e70157. DOI: 10.1002/2688-8319.70157.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [15]Bruns, A.; Waltert, M.; Khorozyan, I. (2020): „The effectiveness of livestock protection measures against wolves (Canis lupus) and implications for their co-existence with humans“. *Global Ecology and Conservation*, 21, e00868. DOI: 10.1016/j.gecco.2019.e00868.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [16]Bradley, E. H. et al. (2015): „Effects of wolf removal on livestock depredation recurrence and wolf recovery in Montana, Idaho, and Wyoming“. *Journal of Wildlife Management*, 79(8), 1337–1346. DOI: 10.1002/jwmg.948.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [17]Faffelberger, I. E.; Knauer, F. (2026): „Feasibility analysis of livestock protection implementation on alpine pastures“. *Pastoralism: Research, Policy and Practice*, 16:15739. Veterinärmedizinische Universität Wien. DOI: 10.3389/past.2026.15739.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [18]Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs: Kriterien und Zertifizierung von Herdenschutzhunden. Beurteilung unter anderem von Herdentreue, Sozialverhalten und Begegnungen mit Wanderern, Radfahrern und anderen Hunden.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [19]Republik Österreich / RIS: 2. Tierhaltungsverordnung, Anlage 1, Punkt 1.10. Rechtliche Vorgaben für Ausbildung und Einsatz von Herdenschutzhunden, darunter Mindestzahl von zwei Hunden sowie Betreuung und Begleitung.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [20]Europäische Kommission: EU funding and large carnivores. Übersicht zu Fördermöglichkeiten aus der Gemeinsamen Agrarpolitik für Herdenschutzhunde, Zäune, Hirtenunterkünfte, Behirtung und andere Präventionsmaßnahmen.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [21]Europäische Kommission: Facts and Common Misconceptions – Large Carnivores. Informationen zu möglichen Förderquoten von bis zu 100 Prozent für bestimmte nichtproduktive Investitionen sowie zur Förderung laufender Kosten.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [22]Agrarmarkt Austria / BMLUK (2026): ÖPUL „Tierwohl – Behirtung“. Behirtung und Herdenschutzhunde als förderfähige Maßnahmen.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [23]BMLUK: GAP-Strategieplan / ÖPUL-Anpassungen. Anhebung des Herdenschutzhund-Zuschlags von 756 auf 1.200 Euro ab Antragsjahr 2025 aufgrund geringer Beantragung; im ersten Jahr waren lediglich acht Hunde gefördert worden.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [24]
- [25]Land Vorarlberg (2026): Rechnungsabschluss 2025 / Alpstatistik. Angaben zu rund 14 Millionen Euro für Leistungen der Alpwirtschaft und 40,8 Millionen Euro Ausgaben im Bereich Landwirtschaft.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [26]Stauder, J. (2023): „Using the Theory of Planned Behavior to Explore the Intention of Farmers to Use Livestock Protection Measures“. *Mountain Research and Development*, 43(2), R22–R30. DOI: 10.1659/mrd.2022.00034. Qualitative Untersuchung von 45 Schafhaltern auf vier Südtiroler Alpen.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [27]Stauder, J.; Platzgummer, J.; Ende, L.; Favilli, F.; Kostner, B. (2026): „Managing livestock protection and summer pasture farming: The results from a participatory stakeholder process in the Alps“. *Conservation Science and Practice*, 8(5), e70284. DOI: 10.1111/csp2.70284.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [28]Europäische Kommission (2026): Grosseto/LIFE MEDWOLF. Praxisbeispiel zu Herdenschutzhunden und Zäunen auf 86 Betrieben; dokumentierte Angriffsrückgänge sowie Angaben zu Arbeits- und Gesamtkosten.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [29]Interview mit Kurt Kotrschal – Initiative Bundes-Jagdgesetz. Kotrschals Position zu mangelnder Nutzung von Herdenschutz und EU-Fördermöglichkeiten. Die Quelle ist eine Interessensinitiative und wird deshalb ausdrücklich als Interviewaussage Kotrschals, nicht als unabhängiger Beleg verwendet.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE - [30]Europäische Kommission – EU Large Carnivore Platform: Praxisbeispiel Vercors, Frankreich, zu Konflikten zwischen Herdenschutzhunden, Landwirtschaft, Wanderern und anderen Nutzern der Landschaft.
↑ ZUR ERSTEN TEXTSTELLE